Grundsätze der Mädchenarbeit für den Mädchenarbeitskreis in Celle

Die nachfolgenden Grundsätze wurden von den Teilnehmerinnen des Mädchenarbeitskreises in der April-Sitzung verabschiedet:

Stand: April 2008

Unsere 5 Grundsätze in der gemeinsamen Arbeit für Mädchen sind:

1. Wir arbeiten parteilich für Mädchen

Parteiliches Handeln für Mädchen und junge Frauen erfordert die Auseinandersetzung mit geschlechtsspezifischer Pädagogik und die Entscheidung der Pädagoginnen, von einer geschlechtsneutralen Pädagogik abzurücken. Darüber hinaus erfordert parteiliches Handeln eine enge Verknüpfung von persönlicher Identität als Frau und Professionalität. D. h., von der Pädagogin wird verlangt, dass sie sich selbst reflektierend mit Rollen und Lebenssituationen von Frauen und Mädchen auseinander setzt und einen eigenen Weg einschlägt, der es ihr ermöglicht, diese persönlichen Erfahrungen mit fachlichem Wissen über Mädchenarbeit zu verbinden. Erst die Verbindung beider Ebenen befähigt Pädagoginnen dazu, parteilich für Mädchen und junge Frauen zu arbeiten.

Parteiliche Arbeit für Mädchen und junge Frauen wird nicht automatisch geleistet, wenn Frauen in der Pädagogik tätig sind, denn es handelt sich um einen qualifizierten Arbeitseinsatz, den es zu erlernen und zu erleben gilt.

2. Wir arbeiten ganzheitlich mit Mädchen

Ganzheitlichkeit bezieht die gesamte Lebenssituation und Lebenswelt von Mädchen und jungen Frauen in die Arbeit ein. D. h., egal, in welchem Leistungsbereich Mädchenarbeit stattfindet bzw. angesiedelt ist, sie bezieht immer Schule, Bildung, Ausbildung und Beruf, Freizeit und Sport, Wohnumfeld und Familiensituation, Herkunft, Religion und Kultur, Körper und Psyche in die Arbeit ein. Der jeweilige Leistungsbereich ist somit der Zugangsort oder –grund, schränkt aber die Sichtweise auf die Mädchen und jungen Frauen nicht ein, sondern öffnet den ganzheitlichen Blick nur jeweils an verschiedenen Stellen.

3. Wir arbeiten interkulturell

Dieser Ansatz wendet sich ressourcenorientiert an Migrantinnen und Deutsche zugleich mit dem Ziel, die jeweiligen positiven und stärkenden Seiten in den Vordergrund zu stellen, un-abhängig von der nationalen, ethnischen oder kulturellen Herkunft jeder Einzelnen. Interkulturalität akzeptiert die Realität der Multikulturalität als bestimmendes gesellschaftliches Merkmal. Angestrebt wird eine dialogische Beziehung, die von Gleichwertigkeit und gegenseitiger Toleranz und Akzeptanz getragen wird.

4. Wir arbeiten emanzipativ und feministisch

Emanzipatorische Mädchenarbeit ist auf die Verwirklichung von Gleichberechtigung ausgerichtet. Die Zielsetzung der Chancengleichheit richtet sich dabei im Wesentlichen auf die Bereiche Ausbildung und Beruf und die Vereinbarkeitsfrage von Familie und Beruf. Feministische Mädchenarbeit beinhaltet eine grundlegende gesellschaftliche Kritik am hierarchischen Verhältnis der Geschlechter und ist deshalb gleichzeitig feministische Mädchenpolitik. Sie benennt gesellschaftliche Machtverhältnisse und untersucht die hieraus resultierenden Folgen für das Leben von Mädchen.

5. Wir verstehen Mädchenarbeit als Querschnittsaufgabe

Mädchenarbeit in der Jugendhilfe muss Grundsatz und Programm werden; vom Inseldasein zur Pflichtaufgabe, zum selbstverständlichen Angebot im pädagogischen Alltag. Mädchenarbeit muss strukturell und konzeptionell in allen Leistungsbereichen und Aufgabenfeldern der Jugendhilfe verankern sein. Damit soll entgegen gewirkt werden, dass Mädchenarbeit isoliert neben den anderen Leistungen der Jugendhilfe stattfindet (Nischendasein von Mädchenarbeit), sondern dass sie integriert wird in bestehende Angebote und Strukturen. Dabei ist wichtig zu beachten, dass Integration nicht im Sinne von Einpassung gemeint ist. Vielmehr soll Mädchenarbeit im Zuge ihrer Integration in die einzelnen Leistungsfelder der Jugendhilfe diese insgesamt verändern.
Mädchen und junge Frauen müssen endlich ganz normale Zielgruppe der Jugendhilfe werden und nicht mehr als besondere Gruppe behandelt werden, und die Gruppe der Mädchen und jungen Frauen ist in sich außerordentlich different, kann also nicht als eine Gruppe angesehen werden. Es gibt viele unterschiedliche Faktoren, die das Leben von Heranwachsenden beeinflusse, fördern oder beeinträchtigen. Innerhalb von jedem dieser Faktoren ist die Geschlechtszugehörigkeit jeweils wiederum bestimmend.

Dies bedeutet für uns ganz praktisch,

  • Mädchen vorurteilsfrei anzunehmen, sie zu akzeptieren und Wert zu schätzen
  • die Lebenslagen von Mädchen zum Ausgangspunkt pädagogischen Handelns zu machen
  • jegliche Unterdrückung von Mädchen und Frauen aufzudecken und zu bekämpfen
  • alternative Handlungsmöglichkeiten zu Unterdrückungsmechanismen auf individueller und gesellschaftlicher Ebene zu entwickeln
  • die Bedürfnisse, Interessen, Wünsche, Lebensvorstellungen und Zukunftspläne von Mädchen Ernst zu nehmen
  • sich zur Anwältin von Mädchen sowohl auf struktureller als auch auf der Ebene fachlich pädagogischen Handelns zu machen
  • die Stärken, Kompetenzen, Qualifikationen und Potentiale von Mädchen zu fördern und sie in der aktiven Gestaltung ihres Lebens zu unterstützen
  • Mädchen in der Entwicklung eines positiven Selbstwertgefühls und eines gesunden Selbstvertrauens zu unterstützen
  • Mädchen zu befähigen, ein bejahendes Verhältnis zum eigenen Körper und zur
    eigenen Sexualität zu entwickeln
  • Mädchen zu stärken, Ihre Interessen unabhängig von „Anmache“ und Diskriminierung durch Jungen zu realisieren
  • alternative Lebensentwürfe vorstellbar zu machen, Geschlechtsrollenbilder kritisch zu hinterfragen und eine eigene positive Geschlechtsidentität zu entwickeln
  • die besonderen Lebenszusammenhänge der Mädchen und jungen Frauen mit ihren unterschiedlichen kulturellen Hintergründen und Biographien wahr- und Ernst zunehmen
  • Konfliktfähigkeit zu fördern und für Benachteiligungen zu sensibilisieren
  • Mädchen zu ermutigen, über erlebte Gewalt und Diskriminierung zu sprechen
  • Mädchen in ihren Bestrebungen nach beruflicher Bildung und ökonomischer
    Unabhängigkeit zu fördern
  • und Schutzräume für Mädchen in Not zur Verfügung zu stellen.

Diese Arbeit hat für den MAK zur Voraussetzung, dass

  • parteiliche Mädchenarbeit nur von Frauen gemacht werden kann
  • sich unsere Angebote gezielt an Mädchen richten
  • Mädchenarbeit sich nicht in Gender-Arbeit erschöpft.